Wie in so vielen Ländern, die die Schattenseiten der Globalisierung ausbaden müssen, ist in
Nicaragua ein extremes Gefälle zwischen Arm und Reich zu verzeichnen. Das Land gehört zu den ärmsten Ländern
Lateinamerikas und ist eines der weltweit verteilten Schlachtfelder, eines maximierungssüchtigen Turbokapitalismus.
Deshalb ist man als Nicaraguaner entweder sehr reich oder sehr arm.
Und die meisten sind arm. Die 20% der Bevölkerung, die als reich oder wohlhabend
gelten, verteilen rund 64% des Gesamteinkommens auf sich. Die ärmsten 20% hingegen müssen mit etwas über 2%
auskommen. Das reichste Fünftel der Bevölkerung hat also mehr als dreißigmal so viel Einkommen, wie das ärmste
Fünftel der Bevölkerung. Und das sind nur die ärmsten der Armen. Denn mit ca. 64% Gesamteinkommen für die
reichen 20% der Bevölkerung, bleibt noch weit weniger als die Hälfte für rund 80% der gesamten Bevölkerung.
Während eine Minderheit unterm Kronleuchter residiert, haben viele andere
nicht mal das Nötigste, sind ohne Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.
Diese Problematik verschärft sich durch mehrere Faktoren. Einerseits ist in Nicaragua schon längst das Geschehen,
was in vielen anderen (sogenannten) Entwicklungsländern passiert ist und auch schleichend bei uns seinen Anfang
genommen hat: Der Staat hat sich in weiten Teilen seiner Zuständigkeit entzogen und privaten Investoren das Feld
überlassen. Dadurch kommt der Staat kaum – und wenn, dann in viel zu geringem Umfang – seiner Aufgabe als Bewahrer
der Grundversorgung nach. Die Armen können also wählen zwischen einem Staat, der kaum etwas für sie tun kann und
privaten Institutionen, die sich der Armut entziehen, weil sie sich sowieso nur jene leisten können, die nicht arm
sind.
Die Dinge, die zu dieser unheilvollen Konstellation geführt haben, die sich auf Gier und Mangel stützt, sind
dieselben wie auch in vielen anderen Ländern der Dritten und Vierten Welt. Nämlich Unterdrückung und Korruption! Im
Falle von Nicaragua kommen auch noch häufig wiederkehrende Umweltkatastrophen dazu. Was Unterdrückung und
Korruption in Nicaragua anbelangt, spielen insbesondere die USA eine unrühmliche Rolle. Zunächst wurden die
Diktatoren der Somoza Familie von den USA unterstützt. Diese Diktatoren unterbanden jedwede politische Entwicklung,
die ihrer Macht geschadet hätte (Gleichberechtigung, demokratische Wahlen etc.) und bereicherte sich auf
unwürdigste Weise. So strich die Diktatur der Somozas beispielsweise die Hilfsgelder ein, die 1972 als
Unterstützung für Nicaragua gedacht waren. Dieses Geld sollte eigentlich für den Wiederaufbau nach einem schweren
Erdbeben genutzt werden. Es bedurfte eines zwei Jahre währenden Bürgerkrieges, um die Somozas im Jahre 1979 endlich
zu entmachten.
Reisen inkl. Nicaragua
Die Sandinisten – so nannten sich die Revolutionäre, die Somoza gestürzt hatten – wurden von
der US Regierung als Kommunisten gebrandmarkt. Es kam zur Iran-Contra-Affäre. Eine paramillitäre Bewegung (die
Contras) wurde von den USA mit Waffen und Geldern gesponsort, die wiederum auf Erlöse aus Waffengeschäften mit dem
Iran zurückgingen. Die Contras geißelten das Land fast 21 Jahre lang. In dieser Zeit kam es immer wieder zu
bewaffneten Konflikten. Die Infrastruktur des Landes wurde größtenteils zerstört. Im Zuge dieses Skandals wurden
die USA zu Zahlungen in Höhe von 2,4 Milliarden Dollar an Nicaragua verurteilt. Auf dieses Geld wartet man in
Nicaragua bis heute noch.
Die USA unterstützten also einerseits eine brutale, menschenverachtende Diktatur. Intrigierten aber andererseits
gegen eine revolutionäre Bewegung, die nur Freiheit und gleiches Recht für ihr Land wollte. Das, und die rabiaten
Gegebenheiten des gegenwärtigen Raubtierkapitalismus, sorgen dafür, dass in Nicaragua der eine Teil der Bevölkerung
im Elend lebt und ein anderer unter dem Lüster speisen darf.